2009/10/05

Pronto


Bild: © Ellja

Treibt Dir folgender Satz den Angstschweiß ins Gesicht? "Du hast Dein Handy zuhause vergessen und keine Möglichkeit, es Dir in den nächsten Stunden wieder zu beschaffen."

Dann gehörst Du zu jenen, über die ich hier und gleich ganz böse motschgern (motzen) werde: Menschen, die überall, wo sie stehen, gehen, sitzen und in jeder noch so unpassenden Situation (zum Beispiel in der Bahn), mit dem Handy am Ohr festgeklebt, sämtliche im Umkreis befindlichen Mitmenschen mit lautstarkem Häuslgeschwätz derart nerven, dass man ihnen das Ding am liebsten aus der Hand reißen würde, um es unverzüglich - schwupps - im nächsten Mistkübel zu versenken.

Tatort Mittagspause beim Asiaten: Zwei geschäftige Geschäftstypen mit Schlips setzen sich an einen Tisch neben uns. Der eine studiert die Karte, beim anderen klingelt sein Handy. Der eine fragt ihn noch schnell, was er ihm zu trinken mitbestellen kann, der andere zischt zwischen dem Telefonat "ein Bier" hervor. Der eine bestellt für beide. Der andere legt nach längerem Geplauder auf. Der eine hat ja jetzt nix mehr zu tun, also greift er ebenfalls zum Handy und wählt. Er bespricht eine Mailbox, da am anderen Ende wohl nix anderes zuzulabern ist: "Hab ghört, du hast dich schon Tage nicht mehr gemeldet, bist nie zu erreichen, mach kan Blödsinn, meld dich bei mir". Der andere, ebenfalls recht unausgelastet, er könnte höchstens die Serviette grade rücken oder schon mal die Stäbchen auseinanderbrechen, greift erneut zum Mobilgerät und wählt. Der scheint ja mehr Glück zu haben, da geht jemand ran. Merkt man am lautstarken Lamentieren. Der eine hört eine Weile zu, aber dann wirds ihm zu blöd, er geht - wahrscheinlich - mal aufs Klo, mit Handy, versteht sich!

... wir waren mit Essen fertig, und als wir gingen hatten die beiden Geschäftstypen noch immer kein einziges Wort MITEINANDER gewechselt. Welche Krankheit ist das bloß und wie kann man sich davor schützen?

Nicht missverstehen: moderne Technik ist was feines, solange man die Technik beherrscht und man nicht von ihr beherrscht wird. Wie war denn das früher? Da konnte man überhaupt nur ortsgebunden telefonieren, zuhause, im Büro und maximal noch in Zellen. Und irgendwie gings doch auch. Ich will nicht ins Nostalgische verfallen und "früher war eh alles besser" dahersabblen, nein, gar nicht. Aber manchmal braucht Fortschritt auch Korrekturen, kleine Rückschritte bzw. Rückzieher. Öfter mal das Handy einfach liegenlassen, ausschalten, sich der Möglichkeiten bewusst sein, die man ohne quälendes Gebimmel hat und bitte, bitte, bitte die Menschen in seiner Umgebung NIE MEHR mit depperten Seelenstriptease-Küchentisch-Lebensbeichten-Geschichten massakrieren - das wäre doch eine ganz neue Freiheit, trotz modernster Technik. Und eine neue UmgangsKultur könnte obendrein noch gepflegt werden, nämlich das längst in Vergessenheit geratene "Rücksicht-nehmen-auf-andere".

Ich wünsch mir das sooo sehr, und bald ist ja eh Weihnachten und vielleicht...

Kommentare:

Eline hat gesagt…

Am ärgsten sind die Bim-Telefonierer. Sogar die 7 jährigen rufen schon die Oma an, dass sie in 5 Minuten bei ihr sind und das Essen schon mal vorbereitet werden kann. Im feinen Restaurant finde ich die besonders toll, die ihren Freunden und Verwandten am Handy schildern, was sie gerade am Teller haben, wie es schmeckt und welcher Promi am Nebentisch sitzt.

Anonym hat gesagt…

Das kann ich nur unterstreichen. Ich las in einem Magazin, dass Jugendliche mehr miteinander per Mobiltelefon/SMS kommunizieren als persönlich!
Viele müssen unbedingt ihren frisch 'runtergeladenen' Klingelton demonstrieren und lassen diesen möglichst lange ertönen, damit auch alle mitbekommen, was er denn für einen 'coolen/geilen/affenstarken'
Klingelton hat. Das nervt mich persönlich zusehends.....
VG,
Claudi

Cherry Blossom hat gesagt…

Ich habe meinem Sohn ein Limit von 10 EUR im Monat gesetzt - zum Glück schafft er es noch ein persönliches Gespräch mit seiner Umwelt zu führen - allerdings der einen oder andere Klassenkamerad kennt nur Kürzelsparache und Chat... SMS und PC... traurig... mein Handy verwende ich lediglich beruflich - privat habe ich es abgeschafft. Ich finde es sehr unangehem wenn ich mit Freunden essengehen und wir unterbrochen werden vom Mobiltelefon... ein Geschäftspartner von mir ist letztes Jahr auf der Messe fast zusammengebrochen als er sein Blackberry verloren hatte.

Isi hat gesagt…

Du sprichst mir aus der Seele. Diese Dauer-Telefonierer nerven mich auch immer mehr. Mein Handy nutze ich beruflich und privat. Aber halt in Maßen und kaum in der Öffentlichkeit. Schon gar nicht im Restaurant, Kino oder in der Oper :-) Meine Freunde schreiben mir öfters mal eine SMS, um sich mit mir "abzusprechen" oder kurz etwas zu fragen. Mir ist das Recht, da sie wissen, dass die Nachricht mich erreicht, aber sie lassen mir die Gelegenheit, dann zu antworten, wenn es mir passt.

weltbeobachterin.blog.de hat gesagt…

ja, mich nervt das auch. bei mir beschweren sich alle, ich bin ja so schwer erreichbar. und mich nervt einfach ich bin mit jemanden im Gespräch und dann ruft wer an. Ich mein, man kann ja schnell schauen wer es ist und notfalls abheben. und sich kurz halten, aber es ärgert mich schon, wenn ich dann 5 Min. oder länger warten muss, weil wer angerufen hat.

Arthurs Tochter hat gesagt…

vielleicht sollte Fortschritt wirklich manchmal Rückschritt sein. Ich fühle mich oft so vollgemüllt, wenn diese Kakophonie von Telefongesprächen, Musikbeschallung, Straßenlärm, Nachbarschaftsgemeckere einen ganzen Tag über mich hineingebrochen ist. Dann habe ich auch nicht mehr die 7000 Wörter, die einem als Frau angeblich pro Tag zur Verfügung stehen. Dann habe ich nur noch eines: "SCHNAUZE"!!!

Ellja hat gesagt…

@Eline Wenn ich daran denke, wie sehr Kinder schon mit Handy&CO aufwachsen, frage ich mich, wie unser Zusammenleben in 30 Jahren aussehen mag.

@Claudi dito siehe oben - ob es eine Rückbesinnung geben kann?

@Alissa solche Geschäftspartner kenne ich auch, die ohne Handy "nichts mehr" sind

@Isi Wenn Handys in Kino oder Theater klingeln, dann hätte ich gerne jedes Mal einen richtig fetten Spruch auf Lager, leider bin ich zu perplex, um schnell zu reagieren

@weltbeobachterin das telefonieren, wenn man grade mit freunden zusammensitzt, finde ich sehr unhöflich. Man kann auch hier nicht auf mehreren Hochzeiten tanzen, gell

@Arthurs Tochter was Du ansprichst wäre noch einen weiteren Blogbeitrag wert, nämlich die ganze verdammte "Zwangsbeschallung"! In unserem Kulturjahr wurde diesem Thema übrigens Raum gegeben, es gab dazu interessante Vorträge und Projekte z.B. Ruheräume komplett unbeschallt und so abgedämmt, dass es fast schon wieder unerträglich ist ;-)

lamiacucina hat gesagt…

Ein Handy ist meist nicht mehr als ein Zeitdieb. Ich führe es zwar mit mir, aber nur für den Notfall, z.B. Autopanne. Die übrige Zeit ist es ausgeschaltet.

Ellja hat gesagt…

@lamiacucina Ein Mann, ein Wort ;-)

Schnuppschnuess hat gesagt…

Mein Handy ist immer abgeschaltet. Ich bin auf dem Ding nicht zu erreichen. Nur im Notfall wird es angeschaltet. Oder auf der Buchmesse, wenn mein Mann und ich getrennte Wege gehen und einer von uns nach Stunden nach Hause will. Im letzten Jahr haben wir hinter uns her telefoniert und standen nur ein paar Schritte voneinander entfernt. Er hinter einer Trennwand - ich davor. Den Anruf hätten wir uns auch sparen können :-) Ich kenne noch nicht mal meine eigene Handynummer, echt wahr.

Ansonsten bin ich auch zunehmend genervt von den Mitmenschen und der durch sie verursachten Kakophonie. Diese Sommerabende, wenn die Nachbarn drei Häuser weiter grenzdebil und halbbesoffen ihre komplette Lebensgeschichte durch die Nacht gröhlen... da ist mir "SCHNAUZE!!!" auch näher als alles andere.
Ich schließe mich hiermit deinen Wünschen an und verzichte auf weitere Geschenke.

Ellja hat gesagt…

sehr schön gesagt :-)