2010/06/07

Ein Bett in Haiti


Bilder: © Ellja

Aus der Not eine Tugend machen.. was der Küchenschrank so hergibt, kann oft eine recht spannende Reise sein, in eine Richtung, die man so erstmal nicht geplant hatte. Besonders dann, wenn der Hunger einen vorwärts treibt.

Mein Magen knurrt, ich muss was essen. Und das schnell.
Der Kühlschrank ist nicht gerade mit den Köstlichkeiten dieser Welt gefüllt. Wer hätte sie auch kaufen sollen? Ich hatte keine Zeit. Also was machen wir mit dem, was da ist?

Kurzer Check:
Süßkartoffel
Tomaten
Fenchel
Sauerrahm
Parmesan


Nach kurzen (und auch etwas längeren) Überlegungen und Hin- und Hergeschiebe verschiedener Grundzutaten kam das hier raus:
- Süßkartoffel-Kräuter-Falaffel
- Gewürzjoghurt mit Schwarzkümmel
- Tomaten-Fenchel-Rosinen-Auflauf mit Parmesanhaube

Der Kühlschrank geleert, die Reste sinnvoll aufgebraucht, satt und innerlich befriedigt.
Ein Stimmchen im Ohr "Ich schmeiße keine Lebensmittel weg, neinnein". Und meistens gelingt mir das sehr gut. Aber zu selbstzufrieden lege ich die Beine schließlich auch nicht hoch, denn was ich hier fast schon mit Sportsgeist verwerte ist anderswo bittere Notwendigkeit. Ich vergess das nicht, dass es so viele hungernde Menschen auf dieser Welt...

Und der Gedanke ist noch gar nicht zu Ende gedacht, sehe ich die aktuelle Lage in Haiti im Fernsehen. Port-au-Prince immer noch im Schutt versunken. Die Slums haben sich auf weite Teile des Landes, das einst Grünland war, ausgeweitet. Die Müll- und Schutthalden mit den verschütteten Toten sind noch genauso wie nach dem Beben. Es fehlt das Geld und die nötigen Werkzeuge, um die Leichen zu bergen. Tausende Obdachlose unter Zeltplanen. Schuhkartons für eine ganze Familie. Kindersklaven kehren die behelfsmäßig zusammen gezimmerten Hütten. Anstieg der Vergewaltigungen. Eine unfähige Regierung. Korrupte Beamte. Die Hilfsgüter werden inzwischen um teures Geld verscherbelt. Studentengruppierungen wehren sich dagegen mit Demonstrationen vor dem Regierungsgebäude. Alles mit wenig Erfolg. Das Land liegt darnieder. Traurige Bilder nach einer Katastrophe.

Ein Mann lächelt missmutig in die Kamera "Hier in Haiti ist nicht das Problem, Essen zu bekommen, da gibt es überall etwas, sondern einen Platz zum Schlafen".

Kommentare:

Eline hat gesagt…

Schoen,was du das sagst. Wobei leider Haiti schon vor dem Erdbeben so darnieder lag. Viele Haitianer sagen, dass jetzt zumindestceine Chance auf Verbesserung besteht. Ich weiss nicht, ob das stimmt.
Nettes und kreatives Kuehlschrank- Essen!
Ich schmeiss auch nichts Verwertbares weg - auch wenn das eine fuer manche laecherliche und unbedeutende Geste ist. Aber wenn man beim Lesen der "Atemschaukel" den Hungerengel spuert, bei Primo Levi von der Ueberlebenswichtigkeit eines halb-verschimmelten Brotes liest, kann man nicht anders. So wird jedes Fitzelchen Brot
zu Broesel oder Huehnerfutter und jedes Stueck Butter zu Butterschmalz. Trotz Wohlstand muss man sich den Respekt vor Lebensmitteln bewahren, find ich.

Schnick Schnack Schnuck hat gesagt…

Das Geschäft mit dem Elend ist überall verabscheuungswürdig, allerdings mit offenbar gallopierender Rentabilität abgesegnet.

Bei dem Essen mag ich mich hingegen gar nicht entscheiden. Enmal mit Alles, bitte.

Ellja hat gesagt…

Eline, ja sicherlich war es vorher schon eine Katastrophe, allerdings warum es sich gerade jetzt verbessern sollte, weiß ich auch nicht.

Zur Butter: ab und zu hab ich schon mal so Reststücke übrig, die schon etwas ranzig schmecken. Kann ich die zu Butterschmalz verarbeiten, ohne dass sie dann auch noch ranzeln?

Schnick,Schnack, ich weiß nie so recht, ob ich die Ausmaße an Korruption überhaupt so genau kennen möchte. Ich glaube, die Realität ist noch viel schlimmer, als wir wahrnehmen.

Eline hat gesagt…

Einige hoffnungsvolle Haitianer vertreten die Meinung, dass der Wiederaufbau ausserhalb der Ballungszentren die dramatischen Asuwirkungen der Landflucht (Slums, Obdachlosigkeit, Hunger in den Städten und parallel verweiste Dörfer und Landwirtschaften) mildern könnte. Ob der politische Wille dazu da ist, kann ich nicht beurteilen.
Wenn die Butter schon ranzelt, würde ich sie nicht mehr zu Butterschmalz verarbeiten.

Isi hat gesagt…

Das ist wirklich schlimm, was dort passiert. Ich hoffe schon, dass es sich bessern wird, zumindest etwas mehr Aufmerksamkeit als vor dem Erdbeben hat Haiti ja schon noch. Ich hoffe, dass die Zeit reicht, um ein paar Probleme zu lösen.
Ich versuche auch nichts wegzuwerfen und ärgere mich, wenn es mir doch passiert, dass etwas kaputt ist.